Leseprobe: Unterwegs im Tangoschritt - Streifzüge durch Buenos Aires

von Edith Werner

Mit subte, Taxi, tren und colectivoMit subte, Taxi, tren und colectivo

Es geschah in der subte, in der Kurve zwischen Avenida de Mayo und Dia-gonal Norte. Bemerkt habe ich es erst viel später. Ein Künstler unter den Taschendieben hatte mich in der U-Bahn um 200 Pesos erleichtert, aus meiner Hosentasche! Ein Freund, dem ich mein Leid klagte, winkte ab. Er trifft in der U-Bahn häufiger einen ehemaligen Mitschüler, der inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Taschendiebstahl bestreitet. Ein leichtes Kopfnicken, man kennt einander ja, und jeder geht seiner Wege. Das hält mich nicht ab, mit subte, tren und den asthmatischen Bussen, den colectivos, durch die Stadt zu gondeln und mit anderen Fahrgästen einen Schwatz zu halten. Auf diese Weise erfahre ich, wo das beste chilenische Restaurant ist, gerate in eine Vernissage peruanischer Kunst oder lasse das Leben auf der Rivadavia, nach fester Meinung aller Porteños die längste Straße der Welt, an mir vorüberziehen.

Tausende von colectivos sind auf den Straßen von Buenos Aires unterwegs und machen die Busse zum städtischen Hauptverkehrsmittel. Die colectivos sind Teil der städtischen Folklore. Eine Welt mit zwanzig Sitzen hieß eine Fernsehserie, die ganz im colectivo spielte. Die Busfahrer schmücken ihre Kabinen fast so phantasievoll aus wie die Truckfahrer. Spiegel, ein Rosenkranz oder ein rotes Band, um den Kryptoheiligen Gauchito Gil, der für Reisende zuständig ist, günstig zu stimmen, gehören dazu. Mehr als 500 Buslinien gibt es. Von meinem Balkon aus kann ich in den drei Straßen, die ich überblicke, allein sieben verschiedene Linien ausmachen. Noch einmal so viele erreiche ich in Fußwegabstand. Man braucht kaum je weiter als ein, zwei Blocks zu laufen, um einen Bus zu erreichen. Die schnaufenden, rostigen Gefährte schieben sich durch fast jede Straße.

Busfahren ist eine hohe Kunst. Zuerst gilt es den Guia T zu studieren. Ganz Buenos Aires ist in diesem unentbehrlichen Heftchen in Planquadrate aufgeteilt, in denen alle Busse verzeichnet sind, die in der Capital Federal verkehren. Man sucht erst im Planquadrat des Ausgangs- und dann des Zielorts nach dem passenden Bus. Will man mit derselben Buslinie zurück, gilt es, nach der Rückfahrtstrecke zu suchen, denn fast alle Straßen sind Einbahnstraßen, und die Busse nehmen zurück meistens einen anderen Weg als hin, abgesehen von häufigen Umleitungen wegen Baustellen. Hat man die richtige Buslinie gefunden, fragt man den Fahrer besser, ob er wirklich dahin fährt, wo man hin möchte, denn viele Buslinien haben mehrere ramales, Abzweigungen von der Hauptstrecke. Der Sechziger, der bei mir vorbeifährt und fast die ganze Stadt bis hinaus in den Vorort Tigre bestreicht, hat allein 25 verschiedene Routen. Um Fahrpläne braucht man sich nicht zu kümmern, denn es gibt sie nicht. Man stellt sich an und wartet. Manchmal kommen zwei hintereinander, manchmal dauert es etwas länger, jedoch selten mehr als ein paar Minuten. Ist es der Richtige und man ist eingestiegen, dann sollte man sich sehr gut festhalten. Die Fahrer lieben es, mit größtmöglichem Tempo die kurzen Strecken zu überwinden, auf denen nicht Stop and Go herrscht, und an den Haltestellen scharf zu bremsen. Manchmal ist es schwer auszumachen, ob da wirklich eine Haltestelle ist und für welche Buslinie. Ein Hinweis sind die Schlangen von Wartenden, die ein paar Münzen in der Hand halten, gilt es doch im Bus den Automaten mit dem äußerst raren Hartgeld zu füttern, nachdem man dem Fahrer angesagt hat, wo man aussteigen will und er den Preis eingetippt hat. Sobald man dieses Manöver erfolgreich hinter sich gebracht hat, heißt es, den günstigsten Stehplatz zu ergattern, denn Sitzplätze finden sich fast nur außerhalb der Stoßzeiten. Nur nach jahrelangem Training gelingt es, wie ein echter Porteño gelassen auf schwankendem Grund zu stehen und gleichzeitig zu telefonieren, zu lesen oder mit seinem Nachbarn einen Schwatz zu halten. Mindestens das Kramen nach Kleingeld und die Unsitte der Busgesellschaften, die raren Münzen irgendwo zu horten und zu verkaufen, sollen nun bald ein Ende haben. Die Präsidentin höchstpersönlich versprach, dass die Busse mit Kartenautomaten ausgestattet werden sollen. Eigentlich ist das angekündigte Datum schon verstrichen, aber wie vieles in der Stadt am Rio de La Plata will auch diese Neuerung gute Weile haben. Wegen ihrer ebenso häufigen wie selten erfüllten Ankündigungen hat Cristina Fernandez de Kirchner schon den Spitznamen Ankündigungspräsidentin weg. Immerhin wurden bereits ein paar Busse mit Kartenautomaten gesichtet. Irgendwann wird es soweit sein ...

© Edith Werner

 

Wiesenburg Verlag Schweinfurt, Dezember 2009, 160 S., mit Illustrationen, 15.90 €

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Colectivo (Bus) in Buenos Aires