Eine Frage des Glaubens

Was war das? Rote wehende Tücher am Rand der Schotterpiste an einem knorrigen alten Baum? Mitten in Argentinien, weit entfernt von jedem Ort? Aus der Nähe: Häuschen, Fotos, eingeritzte Namen. Ergreifend, fern.

Das Phänomen der Volksheiligen

Argentinien ist ein überwiegend katholisches Land. Laut argentinischer Bischofskonferenz  besuchen jedoch nur 16 Prozent der Katholiken die Sonntagsmesse in einer der 11.500 Kirchen des Landes. Dafür sind mehr als 3.500 Religionsgemeinschaften registriert, davon etwa 2.600 evangelische und 130 jüdische Gemeinschaften.

Außerhalb der Grenzen der katholischen Kirche und ihrer geweihten Räume haben Gläubige - allen voran Katholiken - ganz eigene religiöse Symbole, Heiligen und Stätten der Zusammenkunft entstehen lassen. So wie die tempelartigen Heiligtümer für Gauchito Gil, dem wohl bekannteste Volksheiligen im heutigen Argentinien.

Die Gründe, warum Volksheilige in der Gunst der Menschen auf- und absteigen, sind vielfältig. Fest steht jedenfalls, dass Gauchito Gil die erste Stelle des Heiligen-Rankings einnimmt, an zweiter Stelle am ehesten die Difunta Correa. Die volkstümliche Religiosität speist sich aus vielen Symbolen und Personen. Die prädestinierten Heiligen sind im Allgemeinen jung und sterben tragisch. Jüngste Beispiele: die Sänger Rodrigo und Gilda sowie die Sängerin María Soledad Morales aus Catamarca. Gauchito Gil und Difunta Correa starben ebenfalls auf tragische Weise, auf der Suche nach Gerechtigkeit.

El Gauchito Gil

Antonio Mamerto Gil Nuñez, besser bekannt unter dem Namen "El Gauchito Gil" oder als "Curzú Gil" (aus dem Guaraní curuzú = Kreuz) ist vielleicht einer der wichtigsten Vertreter des "weltlichen Heiligen" (Marta De Paris, 1988). Seit mehr als hundert Jahren hulidgen ihn die Menschen in seiner Provinz, aber in den letzten Jahren hat er sich zuerst ins "Litoral" ausgebreitet, vor allem in die Provinzen Misiones und Formosa, und dann in den Rest des Landes. Heute gibt es Kulträume von Salta bis nach Ushuaia. Gründe für den Aufstieg von Gauchito Gil als Volksheiliger waren vielleicht die veränderten Transportwege mit Lastwägen, die zunehmend den Zug ersetzten, die Migration aus Argentiniens Mesopotamien in andere Provinzen sowie seine ganz eigene Moral und sein Rechtsverständnis.

Über seinen Tod gibt es unterschiedliche Berichte. Man weiß, dass er im 19. Jahrhundert starb, manche legen die Vorkommnisse ins Jahr 1890, andere in die Jahre zwischen 1840 und 1848. Alle stimmen darin überein, dass er an einem 8. Januar starb, inmitten der Bruderkriege zwischen den Liberalen (Celestes, Hellblauen) und den Autonomisten (Colorados, Bunten), dass er unschuldig war und einen ungerechten Tod fand.

Gauchito Gil und San La Muerte, die fast immer gemeinsam erscheinen, vollbringen im Übrigen nicht nur Gutes, sondern können auch "Schäden" verursachen. San La Muerte, der "Herr des schönen Todes" hat Wurzeln im Volk der Guaraní und den Jesuiten. Daher findet man in heiligen Stätten des Gauchito Gil auch häufig einen Sensenmann mit Kapuze, zusammen mit einem vor kurzem eingeschenkten Weinglas oder einer Flasche Whisky.

Von Polytheismus, Armut und Vernunft

Wieso diese Art der Religiosität entstand, kann viele Ursachen haben. Vielleicht sind die Menschen von Natur aus Polytheisten und ihre Götter verwandeln sich in Heilige? Gott bleibt abstrakt, während man den Heiligen berühren kann und er die Menschen im Alltag begleitet. Dem Wissenschaftler Pablo Semán zufolge hielt sich der Volksglaube im Hinterland Argentiniens gerade in der Zeit der Gründung und des Aufbaus des Schulsystems. Der katholische Klerus war dort zwar konservativ, aber kulturell tolerant und ließ dem Volksglauben Spielraum. Im Gegensatz dazu der Volksglaube für den progressive Klerus Ausdruck der Rückständigkeit, die es zu bekämpfen galt. Hierzu passt, dass Lehrer früher eher aus wohlhabenden Schichten stammten, während sie sich heute zunehmend aus sozialen Schichten rekrutieren, in denen der volkstümliche Rellgiosität zu Hause ist.

Wie María Julia Carozzi in ihrem Buch "Entre Santos, cumbias y piquetes" nahelegt, entspringt die "Verheiligung" Verstorbener nicht, wie noch vor 30 Jahren gedacht, einer volkstümlichen Adaptierung der katholischen Heiligsprechung. Vielmehr spiegelt sie den Widerstand gegen die Herrschenden wider, die symboische Rache der Armen, das Aufbrechen der sozialen Ordnung durch Teile der Gemeinschaft.

Nach einem anderen Erklärungsansatz macht sich Religiosität im Dualismus von Natur und Verstand breit. Mit Religiosität versuchen die Menschen, Gegensätze zu verbinden - der Heilige wird es schon richten. Und wer sich als gebildet wähnt, glaubt an andere Mittel, die "Löcher" im Meer der Vernunft zu stopfen: Wenn schon der Heilige es nicht richten kann, dann wenigsten der Therapeut oder der Fernseher.

Orte des Glaubens

Das Betreten einer heiligen Stätte überwältigt, auch gegen den eigenen Willen. Zwischen Tüchern, Häuschen aus unterschiedlichsten Materialien - Ziegel, Zement, Steine oder Äste -, bewahren andächtige Menschen dutzende, hunderte Gegenstände, Blumen, Briefe, Inschriften und Figuren anderer Heiiiger oder heiliggesprochener Frauen wie die "Virgen de Luján" oder das "Sagrado Corazón de Jesús". Als Turist fühlt man sich hier völlig fehl am Platz.

Mehr Fotos ...

 

Quelle: Barral P. El fenómeno de los santos populares. Cuestión de fe. Página 12, 2007; Diccionario de mitos y leyendas; Fotos: Alejandro Labeur

 

 

Sie befinden sich hier / Home / » LEBEN / Gauchito Gil