Willkommen in Buenos Aires

Welthauptstadt des Fußballs

11 Freunde - Wilkommen in Buenos Aires, Welthauptstadt des Fußballs

Nirgendwo auf der Welt drängen sich so viele Profiklubs wie in Buenos Aires. In keiner anderen Stadt ist die Begeisterung für das Spiel derart bedingungslos und oft genug auch lebensgefährlich.

Peter Burghardt in der aktuellen November-Ausgabe der Zeitschrift "11 FREUNDE" über die Metropole der Fußballleidenschaft.

So viele Legenden, so viele Tragödien. Wo fängt man an in der Welthauptstadt des Fußballs? Bei den Boca Juniors, dem berühmtesten Verein Amerikas, dem erfolgreichsten Klub jenseits von Mailand? Wer Buenos Aires besucht und halbwegs Sinn für Mythen hat, der pilgert ja außer ins Teatro Colón auf jeden Fall zur Kultstätte namens Bonbonera, der Pralinenschachtel, und ihrem in Bronze gegossenen und manchmal auch echten Diego Maradona. Oder beginnt man besser bei den Argentinos Juniors, wo das Wunderkind Maradona mit den Füßen selbst Orangen in der Luft hielt und erwachsen wurde, weshalb das Stadion nach ihm benannt ist? Bei Bocas Erzfeind River Plate, der Alfredo di Stefano hervorbrachte und sein monumentales Oval später von einer Militärdiktatur missbrauchen lassen musste? Oder beim Racing Club, den der ehemalige Staatspräsident Juan Domingo Perón, Gatte von Evita, liebte – und der Lothar Matthäus verschmähte? Bei 249 Toten unter den Hinchas, den Fans? Vielleicht am besten an einem Wochenende 2010.

Während in Europa langsam der Winter naht, liegt über dem Rio de la Plata sanfter Frühling. Der Himmel ist hellblau und weiß wie die Flagge Argentiniens und das Trikot ihrer Auswahl, der Albiceleste. Wie die Fahne von Racing, einem alten Granden in dieser Geschichte, aber der hat an diesem Samstag ein Auswärtsspiel. Wobei ein Auswärtsspiel hier meistens bedeutet, dass die Adresse nur ein paar Kilometer oder Straßen entfernt liegt, in diesem Fall im Vorort
Tigre am Delta des großen, braunen Flusses. Zuvor empfangen bereits die Argentinos Juniors in ihrer Arena »Diego Armando Maradona « den Besuch aus Banfield, der es ebenfalls nicht weit hatte. Argentinos war wenige Wochen zuvor Meister geworden, Banfield im Halbjahr davor, nach sieben Spieltagen allerdings belegt Argentinos den zwanzigsten und letzten Tabellenplatz.

Eine lauwarme Brise streicht durch die zugigen und oft baufälligen Tribünen aus blankem Beton. Es ist ein gewöhnlicher Spieltag. Das heißt, dass acht der zehn wichtigsten Partien im Dunstkreis von 13 Millionen Einwohnern stattfinden. 14 von 20 Klubs der Primera A stammen aus diesem Großraum. Dahinter beginnt die Pampa. Jenseits der Kapitale sind in der zentralisierten Republik bloß die Städte La Plata, Rosario, Mendoza, Santa Fé und Bahia Blanca erstklassig in Sachen Fußball, zumindest bis Dezember. Die erweiterten offenen Stadtmeisterschaften dauern nur vier bis fünf Monate und heißen wie die gerade laufende Hinrunde Apertura, Eröffnung, die Rückrunde heißt Clausura, Schließung. Alle Teilnehmer begegnen sich pro Turnier nur einmal. Die zweitklassige Primera
B zählt fünf Vertreter aus dem erweiterten Buenos Aires, in der drittklassigen Primera C sind es 13. Nirgendwo sonst treten auf solchem Niveau in kurzer Zeit dermaßen viele Nachbarn gegeneinander an, zwischen Freitag und Sonntag die lokalen Erstligisten Argentinos, Quilmes, Banfield, Lanús, Tigre, All Boys, Arsenal, Huracán, Boca, Racing, River, Vélez, Independiente. Die letzten fünf davon waren Weltpokalsieger, bei den meisten ist das allerdings
schon geraume Zeit her.

Selbst Gelegenheitsgäste mit Geschmack erliegen diesem Zauber. Franz Beckenbauer gab nach der WM 1966 sein Debüt in Argentinien, es war seine erste Fernreise
mit dem FC Bayern. Die Münchner, seinerzeit noch international ohne bedeutende Trophäe, traten an zum Freundschaftsspiel bei Racing, das 1967 gegen Celtic Glasgow in zwei wilden Endspielen den Interkontinentalcup erbeutete. »Die Menschen auf den Straßen in Buenos Aires haben Tango getanzt, das war unfassbar«, erinnerte sich Vielflieger Beckenbauer kürzlich in einem Interview, wobei Tangotänzer jenseits von Tangolokalen eher die Ausnahme sind. Was stimmt: »Argentinien riecht anders als Deutschland«, erzählte der Kaiser zu Recht, »würziger, schärfer, sinnlicher. Ich habe den Geruch noch heute in der
Nase.« Ein Spieltag riecht nach Gras, nach Staub, nach Schweiß, nach herbem Mate-Tee, getrunken mit Strohalm aus Metall. Nach Bier, das so heißt wie Inka-Ruinen und ein Aufsteiger: Quilmes. Nach gegrilltem Fleisch und gegrillten Würsten im Brot, dem Choripan. Bei Härtefällen außerdem nach Blei und Blut und Tränengas. Und immer nach Fußball.

 

Den vollständigen Artikel mit beeindruckenden Fotos fanden Sie im November-Heft 2010 von 11FREUNDE

 

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