Auf los geht's los oder auch nicht: der Start

Stephan Maurer: Camino al sur

Das erste Kapitel als Leseprobe aus dem Buch

"Camino als sur" von Stephan Maurer

Argentinien - und die Wahrnehmungen eines Motorradfahrers

Schardt Verlag Oldenburg, www.schardtverlag.de

Leseprobe mit Vorwort als PDF (602 kb) | Bei Amazon

 

Estás de paso?, was so viel heißt wie „Bist du auf der Durchreise?“ fragt mich Marcelo, seines Zeichens Besitzer eines einladenden Frisiersalons in einem Vorort von Buenos Aires. Ich kann die Frage schwer verneinen, denn dass ich kein Argentinier bin, erkennt jeder. Dabei versuche ich ganz normal mit Jeans, kurzärmeligem Hemd, argentinischen Halbschuhen und Sonnenbrille herumzulaufen. Ich bin weder zu groß, zu klein oder zu dick, um nicht wie ein durchschnittlicher Argentinier auszusehen. Selbst dunkelblondes Haar und Vollbart ist in Buenos Aires normal. Dennoch falle ich auf wie ein bunter Hund. Ist es der zu weiße Ton meiner Haut, der etwas schnellere Schritt oder mein kleiner Rucksack? Ich weiß es nicht. Doch ein Fremder in Argentinien zu sein ist nichts Negatives. Ganz im Gegenteil. Wo auch immer ich meine Herkunft offenlege, schlägt mir geballte Freundlichkeit entgegen. Was mir auffällt, ist, dass beinahe alle Österreich kennen, und die meisten wissen etwas mit der Alpenrepublik anzufangen. Mozart, Sissi und Niki Lauda sind offenbar die wichtigsten Anhaltspunkte. Mir fielen auf der Stelle einige weit verdrießlichere Glanzleistungen des Landes und seiner Geschichte ein, so dass ich es gerne bei den Klischees belasse.

Doch Marcelo sagt Österreich so wenig, dass er tatsächlich etwas ins Stocken gerät. Elegant schwenkt er auf Paris über, das er ausgezeichnet kennt. Es ist ja nahe an Österreich dran, erklärt er mir. Mit dieser kühnen Behauptung steht Marcelo nicht alleine da, denn für fast alle Argentinier ist Europa vor allem eines: klein. Aus gutem Grund. Hält man sich nämlich die Ausmaße des Landes vor Augen, kommt man nicht umhin, ihnen zuzugestehen, dass „drüben“ tatsächlich alles recht gedrungen ist. Allein die Nord-Süd-Achse Argentiniens ist länger als die Linie zwischen London und Kairo. So gesehen liegt Paris fast schon in Österreich. Was mich denn hierher bringt, will er wissen, und so erzähle ich ihm von meinem Plan, alleine und ohne Erfahrung mit einem Motorrad 12.000 Kilometer quer durch das Land zu brausen. Er hält kurz inne. Sich etwas hirnrissige Ideen in den Kopf zu setzen und sich idealistisch an ihre Umsetzung zu machen verdient in Lateinamerika immer eine gewisse Anerkennung. Es hat anscheinend was Heldenhaftes, sich gegen den Sturm der Vernunft zu lehnen. Ein Mann – gerade ein richtiger Macho – braucht eine Vision oder ein proyecto, ein Projekt, wie es hier heißt. So ein Projekt kann weiß Gott vieles sein. Vom Projekt Autokaufen ohne die eigene Stromrechnung zahlen können oder dem Berufswechsel vom angelernten Knopfverkäufer zum sattelfesten Zahnarzt reichen die prächtigen Träume. Die Regel ist klar: Je unmöglicher die Umsetzung, umso größer die Anerkennung. Folgerichtig hat mich Marcelo als ziemlich brauchbaren Macho erkannt und legt gleich los, denn an guten Ratschlägen fehlt es ihm nicht.

Wenn ich nach Rosario komme, immerhin dreihundert Kilometer von seinem Salon entfernt, sollte ich die Ausfahrt nehmen, denn die andere Straße sei die Autobahn nach Santa Fé, meint er trocken. Ich schaue ihn etwas verdattert an. Hält er mich für so bescheuert, nicht einmal zu wissen, dass man in die Stadt hineinfahren muss, wenn man sie besuchen will? Wenn er mir zutraut, dass ich die Einfahrt in eine der größten Städte des Landes nicht finden werde, dann mache ich wohl wirklich einen erbärmlichen Eindruck. Marcelo ist sich seiner Hilfe sicher und weist mit der Hand sogar elegant nach rechts. Vermutlich will er sichergehen, dass ich nicht die Seite verwechsle und links gegen die Leitplanke krache. Ich nicke aus purer Unschlüssigkeit.
Wieder auf der Straße wird es Zeit, das Motorrad abzuholen. Der Taxifahrer hat sichtlich Gefallen daran einen gringo durch die Gegend zu fahren. Woher ich denn komme, so die wenig originelle Frage. Ah, Österreich, ja das kennt er natürlich. Klassische Musik und das Neujahrskonzert sind seine ersten Assoziationen. Er summt tatsächlich einen Walzer. Qué paraíso, was für ein Paradies, schwärmt er. Wir kommen ins Plaudern, und über das Klima landen wir bei Argentinien, der modernen Viehzucht, dem Rinderwahn und den internationalen Handelsbarrieren für Agrarprodukte. Er weiß über alles Bescheid oder redet zumindest voller Überzeugung und Leidenschaft darüber. Mit der Zeit brauche ich nur noch regelmäßig zu nicken, und die Kommunikationsmaschine läuft alleine. Es wäre auch ein Wunder, wenn es anders käme. Selten habe ich ein so redefreudiges Miteinander erlebt wie in Argentinien. Man hat sich immer was zu erzählen. Sei es der Fußball, die miserable politische Lage, die steigenden Preise oder irgendwelche Überfälle in der Nachbarschaft. Ob im Bus, im Restaurant oder auf der Toilette, unversehens sieht man sich in eine Plauderei mit fremden Menschen verstrickt. Man erfährt über Familie, anstehende Projekte, und selbst intime Dinge wie Schwangerschaft oder Trennungen werden mit einer Selbstverständlichkeit ausgetauscht, wie man sie bei uns nur auf der Couch eines Psychologen teilt.

Draußen ziehen die gleichförmigen Kulissen der Vororte von Buenos Aires an uns vorbei. Bereits nach wenigen Abbiegungen habe ich jede Orientierung verloren. Gran Buenos Aires ist für mich der Innbegriff des perfekten Irrgartens. Ein- und zweistöckige Häuser so weit das Auge reicht. Mal in grauem Beton, mal in Ziegelbau, einmal mit kleinem Garten und Parkplatz vor dem Haus, einmal mit hohem Zaun und Stacheldraht und dann wieder ohne. Abertausende dieser Häuser stehen in unzähligen Straßen dicht an dicht. Ich kann mein Gehirn einfach nicht dazu bringen, sich an all die Ecken zu erinnern. Alles sieht so unendlich gleich aus. Auf den belebteren Straßen tauchen Unmengen an Geschäften auf. Metzgereien mit schweren Rindfleischbrocken in der Auslage, kleine bunte Kioske, überdimensionale Zeitungsstände gepackt mit Tageszeitungen und Modezeitschriften, Sportgeschäfte vollgestopft mit Turnschuhen, kleine Lebensmittelläden mit Früchten und Obstkörben auf der Straße, seriöse Immobilienbüros, große Supermärkte, Bäckereien mit Kuchen und Pasteten in den Regalen, Haushaltsläden mit Plastikartikeln oder Reisebüros mit schnittigen Postern. Die Vielfalt ist unermesslich.

So brausen wir eine Weile durch das endlose Zickzack der Vorstädte, um irgendwann unvermittelt auf die große Ringstraße von Buenos Aires zu treffen, die General Paz. Hier ist immer Stoßzeit. Große, moderne Überlandbusse, dröhnende Motorräder, die jedes noch so kleine Schlupfloch ausnutzen, kleine desolate Lastwagen, Autos in allen Größen und Modellen, und natürlich die gefürchteten, fast schrottreifen Stadtbusse mit latenten Selbstmördern am Steuer schieben sich rücksichtslos durch die Menge. Drei Spuren hat die General Paz in jede Richtung. Theoretisch. Im wirklichen Leben sind es meist fünf, wenn nicht sechs. Mir wird im Magen ganz flau, wenn ich daran denke, dass ich in einigen Minuten mit einem riesigen Motorrad hier selbst fahren soll. Ich bräuchte um mich viel Platz. Zum Straßenrand hin vor allem, aber auch zu den Autos vor, neben und hinter mir. Doch genau dieser Platz ist nirgendwo zu finden.

Algo habrá lautet die argentinische Lebensweisheit, an die ich mich zu klammern beginne. Sie bedeutet so viel wie „irgendwas wird es schon geben“. Und eines habe ich aus den früheren Besuchen gelernt: Es geht wirklich immer irgendwie. Sei es, dass die fehlerhafte Stromsicherung kurzerhand durch ein rostiges Stück Metall ersetzt wird, oder dass man den kaputten Autokühler mit einem Kaugummi zuklebt: Algo habrá. Zurzeit habe ich aber nicht die geringste Ahnung, was da kommen wird. Am hilfreichsten wäre ein Hubschrauber, der mich an einem Nothaken aufnimmt und mitten in der Pampa wieder absetzt.

Wir schieben, drücken und quetschen uns also die General Paz entlang, um dann auf die weitaus größere und noch mehr befahrene Panamericana zu stoßen, einer der größten Ausfallstraßen von Buenos Aires. Nicht weniger als acht Spuren in jede Fahrtrichtung zähle ich. Wir kommen äußerst links an und steuern konsequent quer über alle Linien scharf nach ganz rechts. Der Fahrer zuckt nicht mit der Wimper, sondern gibt kräftig Gas. Blinker, Rückspiegel oder gar umdrehen ist nur für Muttersöhnchen – sollen doch die anderen bremsen. Wie um Himmels willen soll ich da als totaler Motorradneuling durchkommen? Dieser Gedanke nimmt in meinem Kopf langsam zyklopische Dimensionen an. Wir biegen wieder ab, rasen noch rasch bei Rot über eine Kreuzung, biegen wieder ab und sind plötzlich da.

Ich stehe vor einer hohen, grauen Wand, auf der eine Videokamera penetrant auf die enge Eingangstüre blickt, an der ich die Klingel drücke.

Ein leises Summen, und die Tür springt auf. Vor mir eröffnet sich ein gepflasterter Parkplatz, auf dem jede Menge schwerer Motorräder stehen. Riesige Kübel, hätte ich vor wenigen Wochen noch gesagt, froh, mich nicht weiter darum kümmern zu müssen. Doch jetzt sehe ich sie voller Ehrfurcht an. Fernando kommt auf mich zu und schüttelt mir voller Kraft die Hand. „Da ist deine Maschine“, sagt er verheißungsvoll und winkt mich in die Garage. Hier lauern noch mehr Motorräder, einige aufgebockt, andere an der Wand mit einem weißen Tuch geschützt. Diese Garage ist die sauberste, die ich je in Lateinamerika gesehen habe. Es riecht zwar etwas nach Benzin und Öl, aber ansonsten herrscht hier peinlichste Sauberkeit, wie ich sie gerade einmal in einer Musterwerkstatt der ehemaligen DDR vermutet hätte. Da steht es: ein enorm hohes Motorrad, dunkelrot, breite Hinterreifen mit starkem Profil, zwei Plastikkoffer seitlich, einer hinten, ein wuchtiger Tank über einem massiven Motor – das ist also mein Gefährt. Stolz schiebt Fernando das Unding aus der Garage. Siebenhundert Kubik, knapp sechzig PS, Spitze weit über 180 km/h, so die kurzen Highlights. Instinktiv fühle ich mich an die finsteren Tage meines Militärdienstes in Tirol erinnert, als mir ein kerniger Leutnant eine schwere, alte Flinte in die Hand drückte und sie mir als meine Braut vorstellte. Nun also mein zweiter blecherner Schatz. Diesmal eine Honda Transalp in Buenos Aires.

Als ich erstmals auf meiner Braut sitze, kann ich meine Emotionen kaum kontrollieren. Eine innere Stimme brüllt mich fast an: Steig ab, gib Fernando dankend die Schlüssel und fahr schnurstracks zum Flughafen. Das ist nichts für dich. Es fällt mir nicht leicht, es einzugestehen, aber ich habe unheimliche Angst vor einer Reise mit diesem kraftstrotzenden Monster. Mit einem Mal kommt mir der Hinweis von Marcelo, bei Rosario rechts abzubiegen, gar nicht mehr so abwegig vor. Wer weiß, ob ich das bis dahin überhaupt schaffe? Mir wäre wohler, hätte ich zumindest einige Häuserblocks schon hinter mir. Doch jetzt einen Rückzieher zu machen, erlaubt die Würde nicht. Was für Würde, frage ich mich zugleich. Kann ich nicht zugeben, mir zu viel zugetraut zu haben und deswegen kleinlaut den Schwanz einziehen zu müssen? Offenbar nicht, denn ich starte nun meinen Boliden und lasse den Motor etwas brummen. Fernando macht noch ein Bild von mir, hoffentlich wird es kein Abschiedsfoto. Den Hüftgurt schnüren und die schwere gepolsterte Motorradjacke überziehen geht noch nach Plan, doch bei den Lederhandschuhen ist schon Schluss. Mit etwas feuchten Händen komme ich in die Dinger einfach nicht rein. Ein ärgerliches Debakel nimmt seinen Anfang. Fernando und der Mechaniker sehen mich mit meinen Handschuhen ringen. Minutenlang, oh wie peinlich. Ich gäbe viel Geld für einen Schnelllauf wie bei den Videorecordern, denn jeder Augenblick schmerzt. Schließlich schaffe ich es irgendwie. Okay, nun normal den Gang einlegen und Ruhe. Vor allem Ruhe. Das Tor geht auf, und vor mir steht der Taxifahrer. Er steigt begeistert aus. Impresionante, ruft er voller Freude und würde wohl am liebsten gleich selbst fahren. Ich bitte ihn, mir langsam und vorsichtig vorauszufahren. Vor allem aber langsam. Er nickt, sieht mich aber an, als hätte ich eben den Papst gebeten, vom nächsten Minarett zum Abendgebet zu rufen.

Ich klammere mich fest an das Heck des Taxis und lasse den tobenden Verkehr so gut wie möglich an mir vorbeigleiten. Krampfhaft konzentriert, auf die Stoßstange des Wagens starrend und so gut wie ohne Wahrnehmung um mich herum geht es um die ersten Blocks. Der Verkehr ist hier etwas entspannter, oder kommt es mir nur so vor? Egal, es geht recht passabel weiter. Ich kann langsam etwas Aufmerksamkeit an die anderen Autos um mich abgeben und habe bald das Gefühl, dass das schon zu schaffen sein wird. Auf der General Paz wird es wie erwartet etwas enger. Man überholt mich dauernd und viel zu schroff. Autos und Motorräder schießen links an mir vorbei und drücken mich an den rechten Streifen. Aber da ist ja noch der Pannenstreifen, der von anderen locker mitgenutzt wird, um auch rechts zu überholen. Alles schiebt und schubst und drängt – mein Gott, hilf mir hier raus.

Ich bin irrsinnig erleichtert, als wir abbiegen und durch das endlose Chaos von Gran Buenos Aires ziehen. Wir lenken unsere Gefährte durch die kleinen Zentren und Wohnviertel, doch ich merke von alldem kaum etwas. Viel mehr hoffe ich, an jeder Kreuzung unbeschadet rüberzukommen, früh genug Gas zu geben oder rechtzeitig gebremst zu haben. Plötzlich fällt mir das Lied Fragile von Sting ein. Ich fühle mich im wahrsten Sinn des Wortes fragile. So fragile wie sich eine Eierschale auf einem sechzig PS Motorrad nur fühlen kann. Aber wir kommen Block um Block voran, und irgendwann sind wir da. Die ersten zwanzig Kilometer sind geschafft. Den Gedanken, dass noch 11.980 folgen sollen, verdränge ich jetzt in voller Absicht, sonst versinke ich auf der Stelle in einem Weinkrampf.

Das nächste Abenteuer steht an: packen. Doch mein Kopf ist von der Sorge um die Ausfahrt aus der Stadt, aber auch vom Erfolgserlebnis, die ersten Kilometer geschafft zu haben, völlig benebelt. Irgendwie lege ich meine Sachen in die Koffer und schnüre die große Reisetasche fest. Alles ist neu, und mir fehlt die Übung. Schwer beladen und keine hundert Meter vom Hotel entfernt biege ich wie geheißen links ab. Damit verlasse ich den Bereich, den ich kenne. Vor mir liegt nun das Abenteuer, auf das ich so lange gewartet habe. Im Moment würde ich es liebend gerne für einen Cent verkaufen und sogar die nagelneue Motorradausrüstung drauflegen. Von nun an heißt es, selbst voranzukommen, alleine den Weg und die Motivation zu finden, selbst an alles zu denken und zu erfahren, wenn etwas nicht so funktioniert. Ich und mein eigenes Wohlergehen werden zum absoluten Mittelpunkt meiner Gedanken. Egoismus pur.

Die Ausfahrt aus dem Moloch Buenos Aires funktioniert eigentlich besser als erwartet. Samstagnachmittag ist offenbar eine gute Zeit. Jedenfalls ist auf den breiten Ausfallstraßen nicht so viel los wie noch vor wenigen Stunden, und die Beschilderung spricht eine klare Sprache. Nach wenigen Kilometern erreiche ich die erste wirkliche Hürde und rolle langsam auf die erste Mautstation zu. Mit einer nicht zu verbergenden inneren Panik bleibe ich stehen und suche den Leerlauf, den ich mit meinen klobigen Bergschuhen natürlich dreimal hintereinander verfehle und das Motorrad fast abwürge. Energisch zupfe und zerre ich an den monströsen Handschuhen, die wie angeklebt scheinen, und reiße mir die Dinger nach einer Ewigkeit irgendwie von den Händen.

Jetzt gilt es, an meine Geldtasche zu gelangen, die ich einfach in meine Hüfttasche gesteckt habe, die ich aber im Moment nicht erreichen kann, da ich sie unter der Weste trage und sich der Schal an ihrem Reißverschluss festgefressen hat. Umständlich krame ich minutenlang herum, hole mit wilden Verrenkungen endlich ein paar Pesoscheine hervor und reiche sie dem jungen Mädchen, das etwas gespannt aus der Kabine schaut. Blitzschnell druckt sie den Kassenbeleg, wechselt das Geld und lässt alles zusammen in meine Hand fallen. Irgendwie stopfe ich die Scheine in eine Außentasche, während die paar Münzen klirrend auf den Boden fallen. Ich denke nicht daran, sie aufzuhaben, sondern klemme die Handschuhe hastig unter die Achseln und gebe Gas. Natürlich im Leerlauf – und der Motor heult wild auf, während ich noch immer vor der Kabine stehe. Mir glüht der Kopf, und der Schweiß rinnt mir den Rücken runter. Endlich kann ich den Gang einlegen und tuckere von dannen, um einige Meter weiter rechts ran zu fahren. Ich brauche eine Pause und vor allem Ruhe. So wird das nichts. Diese umständliche Handhabung der Kleinigkeiten zieht mir den Nerv. Der Versuch, mir die Handschuhe überzustreifen, wird zum Albtraum. Das Leder, die Membrane und das Inlay haben sich zu einem unförmigen Ding vereint. Was würde ich jetzt dafür geben, genügend Erfahrung zu haben, um einfach ohne Handschuhe zu fahren? Doch mein Gehirn behauptet stur, dass ich mich als Debütant auf der Autobahn so gut wie möglich schützen sollte. Also rein in die Handschuhe, irgendwie. Es dauert Minuten, und ich könnte vor Zorn platzen. In der prallen Sonne, keine zwanzig Meter neben der ersten Mautstation erlebe ich den ersten Tiefpunkt der Tour. Warum zum Teufel muss ich als absoluter Anfänger mit einem riesigen Motorrad durch ein unendlich weites Land fahren, wenn ich es nicht einmal schaffe, mir Motorradhandschuhe überzuziehen? Ich reiße wütend herum, schlage die Dinger am Tank flach, blase Platz für die Finger frei und schaffe es dann. Mein Gott, eine Qual und eine Erleichterung zugleich. Mir wird schnell klar, dass Motorradreisen mit Demut und Geduld angegangen werden müssen. Vor allem als Anfänger.

Buenos Aires verabschiedet sich recht friedlich. Immer öfter wage ich einen Blick auf die Szene neben der Autobahn. Die endlosen Vororte der Häuser, Bungalows und einfachen Wohnblocks verschwinden langsam und gehen gemächlich in Industriegebäude, Stundenhotels, Fabriken und Supermärkte über. Es wird auch langsam grüner, und die Weite der Pampa kündigt sich an.

Ich halte mein Tempo bei fast lächerlichen 80 km/h, was zur Folge hat, dass mich so gut wie jeder überholt. Von besonderem Abstandhalten gegenüber einem langsameren Motorradfahrer hält man in Argentinien natürlich nicht viel. Selbst große Lastkraftwagen mit Anhängern donnern keine zwanzig Zentimeter neben mir vorbei, und bei manchem Autofahrer könnte ich den Außenspiegel fast mit der Hand nachjustieren. Da wird das vorsichtig aufsteigende Selbstwertgefühl rasch wieder gebremst, was vielleicht ganz gut so ist. Jedenfalls halte ich an meiner Geschwindigkeit fest. Fürs Erste. Obwohl mich dieses Überholen immer noch erschreckt, kommen meine Gedanken doch langsam etwas zur Ruhe. Wäre da nicht ein weiteres Problem, das mit jeder Minute ärger zu werden scheint: Die Hitze. Ich schätze, wir haben um die vierzig Grad Celsius, doch in meinem Outfit kommt es mir vor wie knapp über sechzig. Mein Hemd scheint nur noch ein nasser Fetzen zu sein, der mir auf dem Rücken klebt. Die Hände scheinen nun endgültig mit den Handschuhen verklebt zu sein, und ich will mir gar nicht vorstellen, wie ich sie je wieder runterkriegen soll. Doch auch die Füße melden Rekordtemperaturen. Die schwere Hose und die massiven Bergschuhe scheinen die denkbar schlechteste Kleidung für diesen heißen Sommertag. Die einzige Abkühlung ist der Fahrtwind, und der dringt bloß durch einen kleinen Schlitz unter dem Visier in den Helm und bläst mir freundlich um die Augen. Mir kommt es vor, als pumpe das Herz jeden Bluttropfen nur noch umher, um ihn kurz an die kühle Brise zu schicken, bevor es wieder in die kochenden Untiefen meines Körpers geht. Es ist eine Qual, eine unendlich heiße, feuchte und nochmals heiße Qual. Was in aller Welt ist am Motorradfahren schön, frage ich mich? Wie soll ich da mehrere tausend Kilometer abspulen? Ich glaube, jeder einzelne Körperteil könnte im Moment ein Dutzend Einwände vorbringen. Wenn sich hier nicht bald eine Änderung ergibt, laufe ich ernsthaft Gefahr auf dem Motorrad zu schmelzen. Eine zugegeben unerwartete Vereinigung mit meiner Braut. Da meint einer tatsächlich, Motorradfahren sei Freiheit. Von wegen – es ist die reinste Tortur. Oh mein Gott, ich sehe das Schild schon aus einiger Entfernung: Die nächste Mautstelle kündigt sich an. Bitte lass den Kelch an mir vorübergehen.

 

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