Recoleta - Laufsteg der High Society

Wieder einmal lohnt sich der Vergleich mit europäischen Hauptstädten! Recoleta und das Barrio Norte werden auch als Klein-Paris von Buenos Aires bezeichnet. Eine Mischung aus neu und alt, sehr repräsentativ und dekorativ.

Bars, Eissalons, Boutiquen, Restaurants, Cafés - für jeden Geschmack ist etwas dabei. Sehen und gesehen werden, rund um die Uhr. Wer hier wohnt, hat es geschafft. Das spiegelt sich in der Sicherheit wider.

Das Stadtviertel Recoleta verdankt dem Konvent der "Padres Recoletos", das sich später in ein Krankenhaus, eine Kaserne und schließlich in ein Altenheim verwandelte. Heute beherbergt es ein Kulturzentrum und liegt zwischen dem Kommerztempel "Buenos Aires Design" und der Kirche "Nuestra Señora Del Pilar" aus dem Jahr 1732.

Grab von Evita Perón, Recoleta, Buenos Aires

Rund um den Recoleta-Friedhof

Nicht nur für Nekrophile: Gleich neben dem Kulturzentrum und dem Shopping-Center befindet sich der bekannte Friedhof von Recoleta (1822), der als die wichtigste Nekropole des Landes angesehen wird. Vor allem wegen der Architektur seiner Denkmäler, und Gruften. Mehr als sechzig Mausoleen wurden als Nationale Kulturdenkmäler ausgezeichnet.

Nicht zuletzt fand hier Evita ihre letzte Ruhestätte ...

Etwas ungewöhnlich vielleicht, jedoch nicht für Buenos Aires: der Friedhof ist umgeben von eleganten Restaurants, Bars und Diskotheken. Es finden Shows unter freiem Himmel statt; es grenzt ein Kinokomplex an und selbst ein Kunsthandwerksmarkt hat hier an den Wochenenden seinen Platz.

Was muss man sehen?

  • Recoleta-Friedhof: Pomp & Circumstances
  • Nationalmuseum der Schönen Künste: Wechselnde Ausstellungen
  • Shopping-Center Del Pilar - Buenos Aires Design
  • Boutiquen, Eisdielen (!), Cafés, Diskotheken. Recoleta ist bei Tag und bei Nacht einen Besuch wert

Frankreich lässt grüßen

Charakteristisch für Recoleta sind Plätze und Parkanlagen, die von der Architektur her französisch anmuten. Aber auch das Kultur- und Gastronomieangebot hinkt der von Paris nicht hinterher.

Gegenüber des Platzes am Friedhof befinden sich schließlich noch

  • die Nationalen Kulturhallen (Salas Nacionales de Cultura) aus dem Jahr 1917 - bekannter unter dem Namen "Palais de Glace" und
  • das Nationalmuseum der Schönen Künste (Museo Nacional de Bellas Artes) aus dem Jahr 1933, auf der anderen Seite der Avenida del Libertador

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Leseprobe: Unterwegs im Tangoschritt - Streifzüge durch Buenos Aires

von Edith Werner

Edith Werner, Unterwegs im TangoschrittSecond life - In der Totenstadt

Fast hätte ich eine Wohnung am Friedhof ergattert, aber sie überstieg dann doch mein Budget. Die Wohnlage am Friedhof von RECOLETA ist eine der teuersten. Porteños genießen offenbar den Blick auf diese Prunkstadt der Toten, die nur den mit der Mentalität der Argentinier Unvertrauten schaudern lässt. Weniger bekannt, aber fast ebenso pompös ist der Friedhof von CHACARITA, auf dem bis 2006 zwei Herzkönige der Vergangenheit begraben waren, Carlos Gardel und Juan Perón, bevor Peron auf die Familienestancia in Vicente Lopez umgebettet wurde. So sind Friedhofsbesuche ein Muss, will man ein wenig in die Gefühlswelt des Porteños eindringen.

Also steuere ich zuerst Recoleta an. Andenkenstände drängen sich vor dieser touristischen Hauptattraktion. 1822 steht in Gold auf Marmor auf der Schwelle. In der Säulenhalle des Eingangs ist man auf Touristen eingestellt. Ein Heftchen mit Lageplan wird mir in die Hand gedrückt. Trotz allem, was ich schon über diesen besonderen Friedhof gehört habe, bin ich nicht vorbereitet auf die Orgie von pomp funèbre. Die Häuser der Toten sind kaum kleiner als die der Lebenden in den Vorstädten. Ganze Straßenzüge entlang reihen sich die Todestempel in weiß gleißendem Marmor oder in spiegelndem dunklem Granit aneinander. Steinerne Engel weinen, ernst blicken Skulpturen der Verstorbenen auf den Besucher. Meisterstücke der Schmiede- und Steinmetzkunst sind die Portale. Kreuz und Schlange, Krone und Flügel, Stundenglas und Totenkopf, unendliche Variationen christlicher Todessymbolik ranken auf den schmiedeeiserneren Türen. Vom überreich verzierten Mausoleum des Historismus bis zur Strenge Neuer Sachlichkeit sind alle Stilrichtungen aus der Glanzzeit des Friedhofsvertreten, dazu jeder denkbare Stil der ferneren Vergangenheit. Ägyptische Pyramiden, griechische Tempel, gotische Gewölbe, Feengrotten und elegante, moderne Kuben scheinen sich gegenseitig ausstechen zu wollen. Drinnen stehen die Särge mit ihren weißen Spitzendecken, flankiert von Kandelabern und Kreuzen. Gelegentlich fällt ein Lichtschein in allen Regenbogenfarben durch die farbigen Glasfenster. Eine Treppe führt in den Untergrund, wo weitere Särge stehen. Man stapelt tief, weil der Baugrund der Teuerste der Stadt ist. Recoleta ist eine Studie in Sepulkralarchitektur und in merkwürdigen Todesriten. Der Friedhof Recoleta ist aufgedonnert wie ein Transvestit. Dagegen ist der Père Lachaise ein Mauerblümchen, befand der Schriftsteller Franzobl, als er diese exotische Wunderkammer besuchte.

Ein Mausoleum hier kostet ein Vermögen. Ganze Generationen der Haute Volée Argentiniens sind in diesen Familiengrabstellen beigesetzt worden. Neue kommen nicht mehr hinzu, aber die vorhandenen Gruften können noch neu belegt werden. Im Mai 2009 gab es wieder einmal eine Bestattung in Recoleta. Tausende folgten dem Sarg von Raúl Alfonsín, dem verehrten ersten demokratischen Präsidenten nach der Militärdiktatur. Eine Grabstelle in Recoleta ist eine begehrte Liegenschaft. So hat sich ein schwunghafter Zweithandel entwickelt. Wer bereit ist, seine Toten auf einen anderen Friedhof umzubetten, kann sein Mausoleum verkaufen. Als eine ehemalige Politikerin vom Staat wegen Bereicherung belangt werden sollte, wurden ihre Besitzungen in der Zeitung ausgebreitet. Eine Gruft in Recoleta gehörte zu der Aufzählung ihrer Reichtümer.
Die meisten Besucher sammeln sich am vergleichsweise schlichten Grab der Familie Duarte, in dem Eva Perón ruht. Nie fehlt es hier an Zeichen der Verehrung. So mancher kanonisierte Heilige würde Evita wohl um die Anhänglichkeit ihrer Getreuen beneiden.
Die etwas makabre Anmutung des Friedhofs wird noch durch die zahlreichen Katzen verstärkt, die um Ecken schnüren oder sich auf Grabsockeln sonnen. Draußen lehnt ein weiß geschminkter Mann in Frack und Zylinder am Zaun und blickt gedankenverloren auf die ersten Zeilen der Totenhäuser, eine Schale mit Münzen neben sich. Er verkörpert das portensische Amalgam aus Theatralik und Melancholie und das Geschäft, das man mit dieser spezifischen Mischung gerne macht...

© Edith Werner

Wiesenburg Verlag Schweinfurt, Dezember 2009, 160 S., mit Illustrationen, 15.90 €

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Recoleta, Buenos Aires